Geht doch mal an euren Plattenschrank, falls ihr noch einen besitzt und zählt die Bands zusammen von denen ihr mehr als drei Platten besitzt. Und? Wieiviele sind es? Noch viel interessanter ist die Frage, wie lange gibt es diese Bands schon? Und was davon ist jünger als, sagen wir mal 5 Jahre. Mh, wird langsam mau, oder?
Liegt das daran, dass keine gute Mucke mehr gemacht wird? Oder man alles nur noch online “kauft/besorgt/shared”? Wann habt ihr das letzte mal eine Platte gekauft, egal wie, euch zu hause hingesetzt und diese von Anfang bis Ende gehört? Also nicht aufm iPod unterwegs oder im Auto und auch wirklich von vorne bis hinten. Ich musste auch ne Zeit lang überlegen. Die Zeit ist so schnelllebig (jep drei L), dass uns mit Sicherheit ganz viele, tolle Musik durch die Lappen geht. Ein Künstler muss heute sofort und innerhalb eines Songs überzeugen. Mehr ist nicht drin, länger hat keiner Zeit, man hängt ja lieber stunden lang bei facebook, studivz, twitter und wie sie alle heissen ab. Warum? Weiss keiner, machen halt alle so.
Mir kommt es so vor, als ob man sich dadurch unbewusst abschottet vor Dingen, die den Geist bereichern. Und hier geht es nicht nur um Musik. Auch Bücher, Filme, für viele bestimmt auch Comics und der gleichen. Und so geht einem die ein oder andere Perle mit Sicherheit durch die Lappen.
Nun ist es ja so, dass durch das Internet ein riesen Angebot an Allem besteht, was jeden von uns, logischerweise, überfordert. Wie soll man da noch separieren? Ist doch gar nicht möglich, also macht man gar nichts. Vielleicht hat man einen Freund der Musik macht oder sich für Filme interessiert und den einen oder anderen Tipp gibt. Wir haben eine derartige Informationsflut und stehen ständig und überall mit Allen in Kontakt, dass wir für die wesentlichen Dinge gar keine Zeit oder Lust mehr haben. Hat man sich zwangläufig abgewöhnt, teilweise ohne es zu merken. Und bei den Teens von heute ist das mit Sicherheit noch drastischer und ich könnte mir vorstellen, dass sich das auch auf Dinge wie echte und ehrliche Freundschaften bezieht. Ich selbst habe bei Facebook so in etwa 220 Freunde. 220 Freunde! Welcher normale Mensch hat 220 Freunde. Die Freunde, also die echten, die besten, hatte ich auch schon vor dem Internet und das sind so in etwa drei. Dann noch Bekannte und Kumpels, kommt man auf 20-30. Gibts es
in Zeiten von Web 2.0 für einen 13 jährigen noch wirklich echte Freunde? oder sind das alles virtuelle Bekanntschaften, die man halt auch noch so nebenbei in der Schule trifft, vielleicht noch im Verein, beim Kicken, was weiss ich? Nun ja, dies am Rande.
Wir dürfen uns also eigentlich gar nicht beschweren, dass im Radio viel Käse und im Musikfernsehen nur Reality Schmus läuft. Die meisten schauen es ja und hören es ja. Friss oder stirb.
Wo liegt nun meine Motivation als Plattenfirma, einen Künstler unter Vertrag zu nehmen, zu fordern und zu fördern? Nix da. Neu, hipp und auf jedenfall ausgefallen muss es sein. Musik ist zweitrangig. Hört ja keiner mehr. Das Drumherum ist in den Fordergrund gerückt. Ich selbst habe schon Sätze gehört wie: “Also als erstes solltet ihr mal Deutsch singen, und etwas hipper und elektronischer wäre auch gut und am Outfit müsste man auch arbeiten”. Kann man machen, fahren einige auch ganz gut mit. Aber von diesen Trendwellen die es immer wieder gibt, hört man doch ein oder zwei Jahre später nichts mehr. Kennt ihr noch eine total geil geheissene “Röhrenjeans, indie-deutsch, elektro Band mit flippiger super Show”? Nicht das ich etwas gegen diese Musik habe. Jede Musik hat ihre Daseinsberechtigung solange sie gehört werden will.
Aber in der heutigen Musikindustrie wird (ich rede hauptsächlich von Deutschland) auf schnelllebige Szenemodelle gesetzt. Das Problem, an den meisten Szenen ist nichts dran, steckt nichts dahinter und die Leute die ihr angehören Schämen sich nach zwei Jahren dafür. Ich war vor ein paar Wochen auf einem Konzert von ein paar Metal Bands. Und ich meine Metal (nicht nu, nicht core oder so etwas). Der Laden
war voll, die Bands waren nicht die besten, aber die Stimmung war mörder. Diese Metalheads sehen einfach genauso aus wie vor 20 Jahren und Sie werden auch noch in 20 Jahren so aussehen. Diese Szene lebt weiter. Ein Arbeitskollege sagte dazu: “Das ist eben eine der beständigsten Szenen, die es gibt”. Woran liegt das? Ich denke es ist Kontinuität und Authentizität. Am wichtigsten sicherlich noch Musikalität. Gilt natürlich auch für andere Genre.
Wenn eine Plattenfirma doch einfach mal den Mut hätte, echte Künstler, mit echtem Hintergrund zu fördern, mit der man sich als Zuhörer identifiziern kann. Gibt es aber leider nur sehr selten. Ich meine damit, dass ich mir sicher bin, dass ich auch in 10 Jahren noch die neue Foo Fighters oder Biffy Clyro Platte kaufen werde. Ich lebe mit solchen Bands oder Künstlern, mit ihrer Musik. Sie begleitet mich, geben mir einen Soundtrack für gewisse Momente, die ich damit dann verbinde. So lange Sie keine riesen Kacke bauen (ja, ich hab jetzt schon Angst vor der neuen Silverchair Platte).
Aber heute muss wohl alles schnell und auf den Punkt sein. Das Demo eines Künstlers muss eine Qualität haben, wie vor Jahren noch ganze Reihen von Major-Produktionen. (“Der Teenager von Heute ist nur noch ein Top-Produkt gewöhnt”, heisst es dann). Überlegt doch mal selbst, was für miese Qualität an Musik ihr früher gehört habt. Von CD auf Kassette überspielt und dann ab auf den Walkman. Und? Hat doch trotzdem gerockt oder berührt. Und genau diese Künstler sind es, auf die wir auch heute noch abfahren, zum grossen Teil zumindest. Ich vermisse auch ein bisschen die Zeit als ich noch, auf Kassette erstellte Mix-tapes bekommen hab. Ein guter Freund hat mir ein solches Mix-Tape vorletztes Jahr zu Weinachten geschenkt, da zehr ich heute noch von! Absoluter Knaller. Zumal dort nur vielleicht 20 Lieder drauf passen. Also eine Zahl die ich begreifen kann, die ich umsetzen kann, bei der ich mir Songs und Künstler merken kann. Was haben ich denn schon von einer 4,7 GB Daten CD. Das kann ich doch gar nicht alles erfassen und so finde ich auch keine neuen Tracks oder Künstler mit denen ich mich vielleicht identifizieren könnte.
Ihr seht, als Plattenboss kann man nur die hälfte leisten. Der Hörer macht den Markt. Wie wäre es denn wenn wir einfach die Künstler, die uns wirklich gut gefallen auch supporten. Soll heissen ihre Platten kaufen. Wer braucht denn, und jetzt mal ganz im ernst, wer braucht denn 40 GB Musik auf dem PC. Und ich bin mir sicher, dass viele von euch das verdoppeln oder verdreifachen!
Wenn ich Plattenboss wäre, würde ich mir echte, authentische Künstler suchen und diese fördern und über Jahre hinweg aufbauen. Das schnelle Geld hat noch nie jemanden langfristig abgesichert. Deswegen sterben die Labels ja auch wie die Fliegen. Und wir sollten uns an der Nase packen und wegkommen von: “Ich muss alles haben, jetzt, sofort, kann zwar nicht alles behalten, wills aber haben, jetzt… schnell…”!!!
Am Rande: Die neue Foo Fighters Platte dieses Jahr wird, denke ich der Burner. Emiliana Torrini bringt auch wieder was raus und die Beatsteaks (Grüsse an Bernd) machen mit Boom-Box schonmal einen soliden Anfang (und die sind nun eigentlich gar nicht hipp). Expecting Jewels hab ich euch ja schon ans Herz gelegt aber auch Biffy Clyro, die neue Samavayo, Danko Jones oder Nikki Yanofsky sollten mal angecheckt werden. Und verdammte Hacke… KYUSS kommen auf Tour!
so long
Raphael